Sie suchten einen König

Die Rumpenheimer waren aus dem Häuschen. 
Zwar hatten sie damals schon viel gesehen und oft Vivat und Hurra gerufen, wenn in ihrem Schloss hoher Besuch eintraf. Aber was sie 1863 bestaunen konnten, übertraf alles Bisherige. Kaiser Franz Joseph, der Herrscher über Österreich, Böhmen und Ungarn, kam mit Geleit aus Frankfurt herüber. Er war der Ranghöchste unter den hohen Herrschaften, die 1863 durch die Breite Gasse ins Schloss kutschiert wurden. Die Gäste nutzten den Fürstenkongress in Frankfurt zu einer Visite bei der Rumpenheimer Verwandtschaft, 
und gewiss auch zu politischen Gesprächen.
Und dann erschienen auch noch die Griechen in ihrer seltsamen, bunten Nationaltracht. Es war ein Aufzug von exotischem Reiz. Die Gäste aus dem fernen Athen im erst 1830 souverän gewordenen Griechenland kamen nicht zu einem HöfIichkeitsbesuch. Sie suchten einen neuen König, den zweiten in ihrer Geschichte. Der Vorgänger, der Bayernprinz Otto von Wittelsbach, hatte 1862 abdanken müssen. Als Nachfolger wollten die Griechen abermals einen König aus dem Norden haben. Ihr Blick war auf einen 17 jährigen Prinzen aus dem deutsch-dänischen Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg gefallen. Er hielt sich in Rumpenheim auf, was den Reiseweg der griechischen Delegation angenehm verkürzte. Aus Rumpenheim nahmen sie ihn mit nach Hause, wo er dann als Georg I. gekrönt wurde. Er galt als Schützling Großbritanniens, das bei ihm viel Verständnis für britische Interessen erwarten konnte. 
Mit Unterbrechungen blieben seine Nachkommen bis 1974 auf dem Thron.

Von Lothar R. Braun