Wie Steine zu Schmuck werden

Auszug aus dem Buch über verborgene und ungewöhnliche Orte sowie außergewöhnliche Menschen in der Stadt.
(14,80 €, Cocon Verlag)
Offenbach ist eine Stadt voller außergewöhnlicher Orte,  die auch kundige Einwohner überraschen. Der Autor Uwe Kauss hat sie gesucht und gefunden. Er hat sich für sein Buch „99 mal Offenbach – Orte, Menschen, Bilder, Geschichten“ auf die Reise in ein verborgenes Offenbach gemacht. Er lernte interessante Menschen und spannende Vorhaben kennen. 

99 mal blickt er in die Hinterhöfe und hinter die Fassaden, taucht ein in alte Zeiten und entdeckt die Gegenwart der Stadt aus einer ganz neuen Perspektive. Diese Geschichten erzählt er spannend, abwechslungsreich und literarisch, 
mit viel Humor und Gefühl. 

Folgen Sie Uwe Kauss bei seinem überraschenden, literarischen Rundgang durch die Stadt 
bis zu mir in mein Schmuckatelier!

Wie Steine zu Schmuck werden
Da liegt ein Kieselstein auf dem Weg. Helles Grau, vom Regen gerundet, langweilig. Ist halt ein Stein, was soll's. 
Wolfgang Uhl sieht das anders. Für ihn ist das ein Schmuckstück. Denn er macht Schmuck, der anders ist. Steinschmuck. 
Der Rumpenheimer Künstler lebt und arbeitet im Marstall des ehemaligen Schlosses. In seinem Atelier im Erdgeschoss zeigt er Ketten, Ringe, Armbänder und Ohrringe, die weder Diamant, Saphir und Rubin brauchen. Er kombiniert natürliche Kristalle, farbenprächtige Mineralien, unbearbeitete Muscheln und Kiesel mit Silber und Zuchtperlen. Jedes Stück ist ein Unikat, Serienproduktion ist für ihn nicht denkbar. 
Wer sein denkmalgeschütztes Atelier betritt, geht an fünf hölzernen Kästen an der Wand vorbei, jeder mit einer anderen Farbe und Struktur. Dezent beleuchtet, finden sich Ketten und Armreifen auf Sockeln und in kleinen Schubladen zum Selberstöbern. Wer auf dem schiefen historischen Steinboden des ehemaligen Pferdestalls weitergeht, steht vor Uhls Arbeitsplatte. Hinter einem kiloschweren Quarzkristall begrüßt auf dem Präzisionsbohrer ein Froschkönig die Gäste, dahinter eine kleine Schraubzwinge. Jede Menge Werkzeug liegt herum. 
Seit 1999 ist Rumpenheim Uhls Heimat. Zuvor arbeitete er in einer winzigen Ladenwerkstatt in der Geleitsstraße. „Ich hatte sieben Quadratmeter Werkstatt und 20 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das war hart, aber es ging.“ Dort produzierte der aus Offenbach stammende Künstler vor allem Keramik, fertigte Teller und Leuchter.
Studiert hat er allerdings Maschinenbau. Es war „eine andere Welt“ für ihn. Nicht seine. „Ich wollte immer Erfinder sein, aber mit Maschinenbau konnte ich das nicht werden.“ Schon während des Studiums produzierte er Keramik, und 1980 begann er, als freischaffender Künstler zu arbeiten. Obwohl es „eigentlich ganz gut“ lief, experimentierte er parallel mit Steinschmuck und ließ die Keramik bald ruhen. An den Wänden seines Ateliers finden sich dutzende Naturerscheinungen, die Uhl mit wenigen Mitteln zum Schmuckstück macht. „Ich bin ein Naturfreund, ich bin gern draußen, liebe das Meer, ich wandere oft“, erzählt er. Die Natur in ihren Formen und Erscheinungen - „sie kann ich wirklich genießen“. 
Ihr ästhetischer Reiz „ist das, was mich interessiert.“ Natürliche Kristalle, die er selbst findet oder von Mineralienhändler bezieht, verwandelt er mit zarten silbernen Röhren zum Anhänger. Ihre manchmal durchbrochene Struktur, Eleganz und Farbe bringt er auf der Haut der Trägerin zum Leuchten, indem er einen Kontrast setzt. Das geschieht etwa mit zart-mattem Silber, dem Glanz von Perlen, dunklem Hämatin oder kleinen, geschliffenen Bergkristall-Elementen. 
Uhl hat in den vergangenen Jahren eigene Techniken und Verfahren entwickelt. So entstand 2006 die Y-Kette, die meist aus zwei verschiedenen Strängen gefertigt ist. Am Dekolletee kommen beide in der Mitte zusammen, doch ein Strang ist länger, ragt nach unten und formt so ein Y. Beim Tragen entsteht so eine besondere Eleganz. 
Ein ähnlich reduziertes Prinzip wendet er bei Ringen an. Die Steine, Mineralien und Muscheln bringt er versetzt an ebenso unsymmetrisch geformten, meist sich verjüngenden Ringen an. Beim Tragen wirkt der Schmuckstein nun, als schwebe er zwischen den Fingern. Auch hier kombiniert er Materialien, die sich auf den ersten Blick fremd sind: Schlichten Basalt oder unpolierten Bernstein setzt er neben eine weiße Zuchtperle. „Ich habe beobachtet, dass traditionelle Ringe mit genau zentriertem Stein sich im Alltag zur Seite drehen“, erklärt Uhl das Konzept, „bei meinen kann das nicht passieren.“ Sie sitzen und die Steine schweben. 
Eine collagenartige Ästhetik bietet seine „Pintura“-Technik, in der er Edelsteinsplitter, Sand und Ölfarbenpigmente mit Quarzsplittern in einem speziellen Verfahren kombiniert. „Das sind Steinbilder, die so entstehen“, wundert er sich immer noch. Nebenan befindet sich sein Archiv mit tausenden Objekten, die er teils auf Reisen oder beim Wandern gefunden hat. Sie bleiben wie sie sind. Er säubert sie nur, mehr nicht. Ihren Reiz entfalten sie schon selbst.